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Don(j)a Maria – Teil 2

Die Bewohner/innen seien zudem bereits in der Nähe des Himmels, was ja zweideutig erscheint, denn sind sie nahe am (Hunger-)Tod oder eben so weit oberhalb des Sonnenstrands und damit doch nahe am einfachen aber himmlischen Glück und der spirituellen, weil christlichen Erlösung? Herivelto Martins überlässt die jeweilige Schlussfolgerung der/dem geneigten Zuhörer/in, dies selbst zu entscheiden. Da er allerdings viele Sambas komponierte, scheint er trotz des resignativ-ironischen Tonfalls dennoch dem philosophischen und realen Hunger der Lebensfreude viel mehr Raum geben zu wollen.

Der Deutsche Ralph Siegel kann das harte Leben und die resignativ-reale, aber Samba-tänzelnde Ironie natürlich nicht so stehen lassen; er muss quasi göttliches Eingreifen hinein texten, das der brasilianische Katholik und Sambameister Martins selbst so gar nicht sieht. Martins lässt in seinem Gesamtwerk das Leben so stehen, wie es eben für Millionen Menschen dort war und ist – der Tod ist sicher, die Samba und der Karneval aber eben auch.

Siegel will es durch Super-Kitsch negieren und mit Gewalt ein „Bollywood“-Happy End erzwingen, das aber so nie real passiert. Jeder schreibt eben für sein Publikum. Martins kann seinen Landsleuten kein X für ein U vormachen. Siegel aber den seinen sehr wohl. Und so stehen Besucher/innen aus Deutschland oftmals fassungslos, überall in Afrika oder Südamerika, vor den Behausungen und dem Leben der Menschen dort. Und aus dem Siegel‘schen „Traumschiff“-Kitsch von Samba, Sonne, Strand und göttlichem Eingreifen wird dann vor Ort Unverständnis, ja sogar Verachtung oder Selbsthass. Nichts davon hilft jemals irgendwem. Dieses Lied zeigt eines: Musik kann verbinden. Damit sie es kann, darf sie nicht ins Gegenteil verfälscht werden, nur weil wir hier bei uns nicht sehen wollen, wie andere Menschen allen Umständen zum Trotz, trotzdem leben und sogar die Kraft zu Lebensfreude und Ironie haben. Wir müssen uns also fragen: Was will Ralph Siegel in unserem Auftrag nicht sehen und nicht nehmen? Und: Wollen wir uns weiterhin durch so was als Kinder behandeln lassen oder als wirkliche Erwachsene mal die Realität so nehmen, wie sie dort gelebt wird? Das wäre dann nämlich Respekt. Und dazu soll Kultur dienen. Sich einlassen. Auf das, was ist. Auch hier wäre mal zu versuchen, das Original zu singen, nämlich portugiesisch, mit seinen vielen Sch-Lauten dem Schwäbischen, Alemannischen, also Südbadischen und Kurpfälzischen („Mäd-schen“, „Käth-schen“) sehr nahe. Sollte uns also nicht schwerfallen. 😉

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