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Tebe Pojem – Teil 2

Tebe Pojem, Volks-TRAUER-Tag – Rußland und unsere Fähigkeit zu trauern

Ich bespreche dieses Lied, weil es immer wieder Diskussionen gibt, ob „Tebe pojem“ auf Russisch gesungen werden soll. Es gibt Abwehr, das Lied „in der Sprache des früheren Feindes“ zu singen. Meines Erachtens wäre es Zeit, den Dingen auf den Grund zu gehen, damit wir Russisch singen können. Warum diese Abwehr? Eines ist klar: Deutschland hat klar und eindeutig Schuld am 2. Weltkrieg, am Holocaust und an allen Gräueln, die sich insbesondere in Polen und Rußland ereignet haben. Unter der Abwehr liegt etwas ganz anderes, das nicht politisch beantwortet werden kann: Der Verlust des eigenen Vaters im Krieg, der auch nach 76 Jahren persönlich nicht verwunden ist.

Dies gilt auch für die Väter, die nach 45 körperlich nach Hause kamen, geistig aber im Weltkrieg geblieben sind. Bei den Gedenkfeiern der 50er/60er Jahre war ich nicht dabei.

Aber Zeitzeugen geben den Eindruck wieder, dass damals mehr verklärt anstatt aufgearbeitet, geschweige denn getrauert wurde. Eher Heldengedenktag statt Trauer. Das erinnert an die russischen Militärparaden unserer Zeit zu Ehren des 08.05.45. Im Stechschritt, zur Musik von eben jenem Dimitri Bortjnanski wird über die Trauer von Millionen Russ/inn/en marschiert, diese wird buchstäblich in den Boden gestampft. Auch dort haben Millionen Menschen damals ihre Väter verloren. Hatten sie wirklich Zeit zu trauern? Durften sie das? Hieß es nicht, das Leben geht weiter, Du wirst schon darüber hinwegkommen? Trauer ist eben nicht an einen Zeitablauf gebunden. Trauer hat kein Verfallsdatum. Schon gar nicht, wenn sie nicht gezeigt werden kann oder darf. „Ein deutscher Junge weint nicht“. Durfte denn der russische Junge weinen? Die „Schwarze Pädagogik“ der NS-Reichsfrauenführerin hat noch bis in die 90er Jahre gewirkt. Nicht drüber reden, alles drunten halten! Steht die Abwehr des russischen Liedes sinnbildlich dafür, dass die eigene Trauer nicht angenommen wird, genauso wenig wie die Tatsache, dass Millionen alter Menschen anderswo in Europa noch immer ebenfalls trauern und nicht wagen, dies zu sagen? Wie soll ich denn andere verstehen, wenn ich es bei mir selbst nicht zulasse? Musik kann Menschen verbinden, vor allem Tebe Pojem. Der Volkstrauertag ist nicht überflüssig.

Insbesondere dann nicht, wenn die kleinen Jungen von 45, die jetzt in den 70ern und 80ern sind und oftmals schon Opas, endlich mal den kleinen Jungen von damals in den Arm nehmen. Wer den eigenen Verlust begreift und zulässt, kann damit auch zulassen, zu begreifen, dass auch andere Menschen diesen Verlust erlitten haben, in fast allen Ländern Europas. Und das nicht aus politischem Kalkül, sondern im Herzen! Endlich den Groll loslassen und selbst durch die Trauer Frieden finden.

Sagen, was ist! Das wäre dann eine wirkliche Basis für ein europäisches Miteinander. DANN hätte der Volkstrauertag seinen Zweck erfüllt. Lasst uns gemeinsam singen: „O Herr, gib Frieden, den Frieden dieser Welt. Tebe pojem, Tebe blagoslovim. Tebe blagodarim.“

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