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Der Sauschwob – Teil 5

a tree with beautiful green leaves

Silchers „Am Brunnen vor dem Tore“ basiert auf der Dichtung von Wilhelm Müller. Es lohnt sich, diesem scheinbar banalen und trivialen Volkslied und seiner zugrundeliegenden Dichtung mal auf den Zahn zu fühlen. Was wird da eigentlich gesungen? Der dichterische Urtext geht so:

Am Brunnen vor dem Tore,
da steht ein Lindenbaum.
Ich träumt’ in seinem Schatten,
so manchen süßen Traum.

Ich schnitt in seine Rinde,
so manches liebe Wort;
es zog in Freud und Leide,
zu ihm mich immer fort.

Ich mußt’ auch heute wandern,
vorbei in tiefer Nacht,
da hab’ ich noch im Dunkel
die Augen zugemacht.

Und seine Zweige rauschten,
als riefen sie mir zu:
Komm her zu mir, Geselle,
hier findst Du Deine Ruh’!

Die kalten Winde bliesen,
mir grad’ in’s Angesicht;
der Hut flog mir vom Kopfe,
ich wendete mich nicht.

Nun bin ich manche Stunde,
entfernt von jenem Ort,
und immer hör’ ich’s rauschen,
du fändest Ruhe dort!

Dieser ruhig fließende Strom ohne besondere Höhen und Tiefen, die Friedrich Silchers von Franz Schuberts Version (der Lindenbaum) deutlich unterscheiden lenken in der Regel sehr gekonnt von den gerade düsteren Themen der Dichtung und der besungenen Reise ab. In der Tat ist die Kritik an Silcher berechtigt, dass er durch die ruhig geführte Melodie ohne Höhen und Tiefen die Dramatik der Situation völlig negiert und aus der individuellen Not des imaginären Erzählers und Dichters eine gerade biedermeierisch-reaktionäre Sonntagsspaziergangs-Schnulze fabriziere.

Insbesondere dadurch, dass generell nur die ersten vier Strophen gesungen werden und wichtige Symbole und Aussagen dadurch unterbleiben. Nun im Einzelnen: Es fängt ja sehr nett an. Denn der Brunnen ist ein seit Urzeiten ein häufig verwandtes, mehrdeutiges Symbol. Er kann den Wechsel von Leben und tödlicher Gefährdung darstellen. Der Brunnen benennt sowohl die frei fließende Quelle und ihr Wasser, die eingefasste Quelle und den gegrabenen Brunnen.

Er hat einerseits lebenspendende Aspekte als Quelle, Wasser des Lebens, Symbol für Wachstum und Erneuerung, und ist darüber hinaus ein sozialer Treffpunkt in Dorf und Stadt. Der Brunnen steht als Symbol auch für die Liebe, die Brautwerbung und die Ehe. Seine oft nicht erkennbaren Tiefe verkörpert aber auch den Zugang zu verborgenen, schöpferischen und oft destruktiven Schichten der Seele.

Der Lindenbaum war zu Wilhelm Müllers Zeiten als Baum der Liebe bzw. Treffpunkt der Liebenden und Symbol einer milden und wohltuenden Natur ein leicht verständliches und überall anerkanntes Ur-Symbol. Die Linde stand außerdem für Muttertum, Fruchtbarkeit, Geborgenheit, Harmonie und Schutz, Tanz und Feste.

Die Linde war aber auch Ort des Gerichts sowie der altgermanische Treff der Rechtsprechung, Sinnbild der Gemeinschaft, Verurteilungs- und Hinrichtungsplatz sowie der von zahlreichen Selbstmördern bevorzugte Ort. Der Lindenbaum wurde so zu einem Sinnbild der Gemeinschaft, das in Müllers Dichtung in Kontrast zur Einsamkeit des Ich-Erzählers und Wanderers steht. Nächste Woche endet die Serie Der Sauschwob.

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