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Der Sauschwob – Teil 6

Wer in der Schule Thomas Manns Der Zauberberg lesen mußte, weiß vielleicht noch, dass der Held des Buchs, Hans Castorp, hier ebenfalls ein einsamer Wanderer auf der Suche nach Sinn, am Ende des Buches mit der Schubert‘schen Liedversion auf den Lippen in der brutalen Materialschlacht des Ersten Weltkriegs buchstäblich verschwindet, so als begehe er bewußt und freudig Selbstmord.

Das Wandern gilt in der Kultur als Bestandteil menschlicher Bewusstwerdung. Die Romantik prägte im 19. Jahrhundert den sozialen und kulturellen Begriff vom Wandern und von der Wanderschaft. Dabei war der Blick auf landschaftliche und soziale Realitäten (die dann oftmals von akademischen Malern gezeichnet wurden) bestimmt durch die tiefere Schau des eigenen, inneren Ichs.

Die Symbolik des Wanderns veranschaulichte den besonderen Charakter der menschlichen Lebensreise, in der auch die Gefährdung, das Scheitern und Sterben inbegriffen ist. Das Wandern müssen vieler Menschen aus sozialen Gründen, um z.B. irgendwo Lohn und Brot zu finden, führte in der Literatur und im Gesang nicht selten zur Zwangsvorstellung, die fort von menschlichen Beziehungen, in Wahnvorstellungen, Flucht und Tod mündet – siehe zum Beispiel „Muss i denn zum Städtele hinaus“, was wir ja schon besprochen haben.

Der Hut des Ich-Erzählers kann als ein Statussymbol oder Symbol der Macht des Trägers und dessen Schutzzeichen gedeutet werden, oder er kann – durch den absichtlichen oder unabsichtlichen Verlust – ein Indiz des Verlusts gesellschaftlicher Macht darstellen. Der bekannte Psychologe C.G. Jung sah im Verlust des Hutes auch den „Verlust des eigenen Schattens“, des Unterbewußtseins. Der Verlust des Hutes kann auch politisch gemeint sein, denn in der badischen Revolution 1848/49 trugen die badischen Revolutionäre (auch im damals so rebellischen und demokratischen Schriesheim) so genannte Hecker-Hüte mit bunten Hahnfedern daran. Das Tragen eines Hutes wurde damit ein öffentliches Bekenntnis zu bürgerlich-demokratischen, damals revolutionär-freiheitlichen Einstellungen, die im Übrigen noch einige Jahrzehnte nach der gescheiterten Revolution im Liedgut der Männergesangsvereine und der so genannten Casino-Vereinigungen gepflegt wurden. Ab 1871 wurden diese freiheitlichen Gedanken durch immer nationalere Töne ersetzt.

All das verliert bei Silcher komplett an Bedeutung. Die monotone Melodie kann die Verzweiflung des Ich-Erzählers nicht transportieren, der sich von dem Sehnsuchtsort, seiner Liebe, seiner Hoffnung, seinem Status, seiner Freiheit entfernt und nicht mehr wie zu Beginn als ein Liebender und hoffnungsvoll Suchender erscheint, sondern wie ein Todessehnsüchtiger, der um endgültige Ruhe bettelt. Es wäre sicherlich sinnvoll Franz Schuberts Version kennen zu lernen und auch zu singen, um melodisch und textlich die Breite der Müller‘schen Dichtung wirklich aufnehmen zu können. Das Tiefenpsychologische und Geschichtlich-Kulturelle bleibt sonst unterbelichtet.

Es ist kein Wunder, dass die glattgebügelte vierstrophige reaktionäre Sonntagsspaziergangs-Version von Silcher hohen Anklang gerade bei nationalsozialistischen Kulturfunktionären fand, für die Tiefenpsychologie „jüdische Entartung“ und Revolutionär-demokratisches ein Anlass zu Verhaftung ins KZ war.

Joseph Müller-Blattau (1895-1976) war ein solcher Nazi. Musikwissenschaftler, Mitglied der „Forschungsgemeinschaft Deutsches Ahnenerbe der SS“ (sein Thema: „Germanisches Erbe in deutscher Tonkunst“), Professor an der „Reichsuniversität Straßburg“ und nach 1945 der anerkannte Nestor und Professor der Saarbrücker Musikwissenschaft. Müller-Blattaus Karriere wurde weder durch die französische Saar-Besatzung 1945-56, noch durch die Wiederangliederung des Saarlands 1956 an Deutschland unterbrochen; sie ging immer nahtlos weiter. Im Übrigen war Joseph Müller-Blattau ein Gesangs- und Dirigat-Schüler des in Schriesheim ja nun sehr negativ bekannt gewordenen Antisemiten und Judenhasser Hans Pfitzner! Ja, die Schatten der unsäglichen Vergangenheit reichen weit. Ende der Sauschwob-Serie.

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