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Vom stillen Tal zur Nationalhymne – Teil 2

Er änderte seine politische Richtung, als der Abgeordnete der Frankfurter Nationalversammlung Robert Blum nach der Eroberung Wiens am 9. November 1848 erschossen wurde. Ganzhorn nahm nunmehr stark Partei für die linken Revolutionäre, die für eine demokratisch-parlamentarische Republik mit allgemeinem und direktem Wahlrecht eintraten. Ganzhorn selbst war jedoch nicht für eine gewaltsame Einführung der Republik a la Hecker und Struve, sondern für deren Gründung im Rahmen der Gesetze. Ganzhorn konnte aufgrund seiner politischen Gesinnung 1849 nicht Sindelfinger Bürgermeister werden. Ganzhorn gab 1849 eine Treue-Erklärung an die bestehende Württembergische Monarchie und Regierung ab. So konnte er Oberamtsrichter bleiben und entging der politischen Säuberung des Beamtenstandes.

In seiner beruflichen Tätigkeit wird Ganzhorn als milder und wohlwollender Richter charakterisiert, der stets versucht habe, Gegensätze auszugleichen und Streitende zu versöhnen. Ganzhorns „Wiesengrund-Lied“ trägt alle typischen Eigenschaften eines Volksliedes und ist eines der bekanntesten und wahrscheinlich auch eines der meistgesungenen deutschen Volkslieder seit seiner Dichtung und Vertonung bis heute. Bei der „Krone der Volksmusik“ 2004 wählten 26 % der Zuschauer dieses Lied per TED zum beliebtesten volkstümlichen Lied.

Ganzhorns Lied ist aber auch ein typisches Heimatlied, wobei er den Heimatbegriff nicht im Sinne von vaterländisch verstand, sondern seine romantische Verbundenheit zur Heimat zum Ausdruck bringen wollte. Mit dem Wiesengrund hat Ganzhorn möglicherweise das Wiesental hinter dem Gasthof Rössle in Conweiler gemeint, welches sich von Conweiler nach Feldrennach hinzieht. Seine Frau Jakobine Luise Alber stammte von dort und möglicherweise haben sie dort viel Zeit verbracht. Das konnte aber nie sicher bewiesen werden. Auch in den ehemaligen, bis 1918 bestehenden Kolonien des Deutschen Reichs wurde Ganzhorns Lied bekannt. Seine Melodie liegt „Gi Talo Gi Halom Tasi“ zugrunde, das 1996 zur Nationalhymne des Commonwealth der Nördlichen Marianen erklärt wurde.

Der Text der Hymne in Chamorro wurde von den Brüdern Jose S. und Joaquin Pangelinan vermutlich kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs (und der Befreiung der Inseln von den japanischen Besatzungstruppen) verfasst. Den karolinischen Text verfasste David Kapileo Peter kurz vor der Unterzeichnung des Bundes der Nördlichen Marianen mit den USA 1976.

Die deutsche Übersetzung des Textes ist wie folgt:

Mitten in der See ist meine Heimat.
Hier will ich meine Tage verbringen.
Es ist meine Sehnsucht, falls ich diesen Ort jemals verlassen sollte,
eines Tages wieder zurückzukehren.
Dich kann ich nie verlassen. Oh du mein Land.

Und der Refrain:

Mehr als tausend Mal werde ich dich ehren und grüßen, Schöne Inseln der Marianen, Ruhm sei Euch.

Auffallend ist, dass die marianischen Texter den romantischen Einfluss Ganzhorns übernommen und sprachlich angepasst haben. Wer hätte gedacht, dass ein deutsches Volkslied mal die Grundlage einer Nationalhymne am anderen Ende der Welt würde.

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