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Aus der Traube in die Tonne -Teil 2

people drinking liquor and talking on dining table close up photo

Hinze war der Sohn eines Lübecker Theaterdirektors und einer Schauspielerin. Die überhitzte Theater- und Künstleratmosphäre machte wohl großen Eindruck auf ihn, weil er schon mit 13 begann, Schauerromane zu schreiben und sie ein Jahr später zu veröffentlichen.

Der frühreife Knabe wurde mit 15 Jahren zu Verwandten nach Sankt Petersburg gebracht, um dort zu studieren. Zu Hause war das Geld knapp und an ein Studium nicht zu denken. Schauspielerinnen galten auch nicht als ehrbar, sondern als rezitierende käufliche Geliebte solventer Herren. Der kinderlosen, deutsch-baltischen Verwandtschaft in Rußland oblag es nunmehr, für das Weiterkommen Hinze juniors zu sorgen.

Ein 15jähriger, alleine, ohne russische Sprachkenntnisse und in den Herbststürmen mit einem Segelschiff(!) quer über die Ostsee reisen zu lassen, die eben nie die harmlose „Badewanne“ war, für die sie gehalten wurde, war nicht ungefährlich. Der Untergang der schwedischen Fähre „Estonia“ zu unserer Zeit hat das ja gezeigt. Würde heute ein Junior diesen Trip machen, käme das Jugendamt.

Damals war das völlig normal. „Alternativlos“ gab es nicht. Zu Hause hungern oder anderswo weiterkommen oder auf der Reise draufgehen. Hinze junior hatte Glück, es gab eine Familie hüben wie drüben, die sich kümmerte und Verantwortung übernahm. Der frühere – 1944 in Schriesheim verstorbene – badische Staatspräsident Anton Geiß war mit 15 Schreinerlehrling und wurde bis zum Alter von 13 als Hirtenjunge und „unnützer zusätzlicher Esser“ von zu Hause weit weg geschickt, mit Essen und Bildung knappgehalten, geschlagen und geschunden.

Hinze junior hatte es da deutlich besser, er kam gesund an, integrierte sich in die deutschbaltischen Familien, lernte Russisch, wurde aber nicht Kaufmann, sondern Arzt auf der deutschen Universität in Dorpat/Russisch Livland. Das war ein teures Studium damals. Nach seiner Promotion 1830 wurde er Choleraarzt in der Region Nowgorod. Danach wurde er Direktor eines Kinderasyls und war für die Armenpflege, insbesondere die der Kinder in Sankt Petersburg mit verantwortlich. Hinze wurde russischer Staatsrat. Das ist der fünfthöchste Rang (von insg. 14) der russischen Staatsverwaltung. Seine gesellschaftlichen und medizinischen Leistungen scheinen also ganz beachtlich gewesen zu sein. Der Herausgeber seiner Werke bescheinigt ihm, ein „Ausgezeichneter Arzt, begabter Dichter, glücklicher Redner, trefflicher Humorist, unvergleichlicher Gesellschafter“ gewesen zu sein.

Da stellt sich schon die Frage, wie ein solcher Mann auf solche Texte kommt. Schauen wir uns mal die Originaldichtung an:

  1. Strophe:

Aus der Traube in die Tonne,
aus der Tonne in das Faß,
und dann zu der Menschen Wonne,
in die Flasche in das Glas.

2. Strophe:

Fließt dann munter in die Kehle,
über durst‘ge Lippen fort.
Und es steigt des Weines Seele,
aufwärts nun und wird zum Wort.

3. Strophe:

Und das Wort wird zum Gesange,
und die Rede wird zum Lied,
das in lautem Jubelklange,
lustig in die Wolken zieht.

4. Strophe:

Doch im nächsten Sommer wieder,
fällt als Tau und Sonnenschein,
dieses Lied auf Reben nieder,
und die Rebe wird zum Wein.

Wir sehen, die Koppschen Anpassungen sind gar nicht so dramatisch. Die Version, die wir heute singen, ist dem Original nicht so fern. Aber wie kommt ein Arzt, der die Nöte der Armen kennt, auf so ein Lied?

Vielleicht besteht ein solcher Widerspruch gar nicht. Vielleicht hat der Arzt Friedrich Hinze in diesen lockeren und lustigen Dichtungen einen Ausgleich gefunden, der es ihm erlaubt hat, seine Aufgaben auch weiterhin erfüllen zu können, ohne zum bitteren Zyniker zu werden. Menschen, die an ihrer Aufgabe verzweifeln, verlieren oftmals die Empathie und ihre Lebenslust. Hinze offensichtlich nicht, wenn wir seinem Verleger glauben dürfen. Vielleicht ist das auch eine Mahnung an uns und unserer Zeit. Es ist Krieg. Es ist jede Menge Leid. Aber nutzen Verzweiflung, Zynismus, Bitterkeit und Abkehr vom Leben? Vielleicht müssen wir das Lied gerade deshalb in Ehren halten. Weil es von einem Mann gedichtet wurde, der seine Aufgabe als Arzt und Kinderbeschützer ernst genommen hat. Weil wir an ihn erinnern sollten. An seine Menschenliebe, aber auch an seine Fröhlichkeit. Ende der Serie.

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