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Anton Geiß und die politische Emanzipation der Männerchöre

Heute beginnt eine neue, mehrteilige Serie. Am 23.09.23 wird der frühere, in Schriesheim verstorbene badische Staatspräsident (entspricht dem Titel Ministerpräsident) und Verteidigungsminister der Republik Baden (1918-45), Anton Geiß (1858-1944) dadurch geehrt, dass der Platz vor dem Alten Rathaus nach ihm benannt wird.

Viele werden sich jetzt fragen, warum dieses Ereignis im Bereich eines Männerchors behandelt wird, da dies doch eine politische und keine kulturelle Frage sei. Vielleicht möchte sogar der Verfasser, auf dessen lobenswerter, weitsichtiger und unermüdlicher Initiative hin dieser Ehrung ursprünglich zurückgeht, sich einfach wieder ins Rampenlicht spielen? Ironie aus. Dann lassen Sie uns mal gemeinsam dieser Frage nähern. Wie schon in anderen Artikeln ausgeführt, sind Männerchöre ein Produkt des 19. Jahrhunderts und vor allem der kulturellen Strömung der Romantik. Dichterinnen und Dichter in ganz Europa waren systematisch auf der Suche nach ursprünglichen Stoffen der Volkskunst und sammelten alte Lieder, die schon lange vom Volk gesungen wurden oder auch Märchen oder Sagen. Nicht nur Goethe, Herder, Brentano, Droste-Hülshoff, Gebrüder Grimm, Schiller und viele andere waren auf der Suche in D und in ganz Europa.

Osteuropäische Völker wie Tschechen oder Serben verdanken die Wiedergeburt und Weiterentwicklung ihrer Sprachen aus reinen Bauerndialekten hin zu nationalen Hochsprachen dem grundlegenden Interesse und der Unterstützung durch deutsche Romantiker/innen. In städtischen Sprach-, Lese- und Gesangsvereinen wurden dann die Erkenntnisse neu gruppiert, getextet, vertont und dargeboten. Durch Lehrer und Pfarrer vom Land, die oftmals an diesen städtischen Klubs teilnahmen, verbreitete sich das Liedgut aber auch die politischen Inhalte über Land. Auch nach Schriesheim. Nicht von ungefähr sind Männergesangsverein und bewaffnete Volksmiliz im Jahr 1848 fast Synomyme. Kaufleute, wohlhabende Bauern, die Lehrer und die Pfarrer beider Konfessionen sind in Schriesheim Anhänger der Liberalen und drängen auf politische Veränderung. Nach der Niederlage der badischen Revolution 1849 werden langfristig dennoch die Liberalen die stärkste politische Kraft in Schriesheim und die dazugehörige Casino-Gesellschaft (benannt nach der stärksten liberalen Fraktion im Frankfurter Nationalparlament) mit dem dazugehörigen Gesangsverein der Dreh- und Angelpunkt des gesellschaftlichen Lebens in Schriesheim.

Die Zensur schwächt sich ab 1848 ab, die Presse ist im Südwesten des deutschen Reiches frei. Das Zensuswahlrecht wird schrittweise reduziert. Immer mehr Männer können nicht nur bei den Reichstagswahlen ab 1871 frei, gleich und unmittelbar ihre Vertreter wählen.Nächste Woche gehts weiter.

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