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Hans Pfitzner und die Disteln für Hagen – 4

Er war zudem verheiratet und Vater von drei Kindern. 1917 wurde im Münchner Prinzregententheater unter Bruno Walter die „Musikalische Legende“ Palestrina uraufgeführt, die als Pfitzners bedeutendstes Werk gilt. Der Mann war von seinem 25. bis 50. Lebensjahr auf der Spitze seines Könnens und seiner Karriere. Gesettelt würde man sagen. Angekommen. Positiv rezensiert von etablierten Geistesgrößen wie Thomas Mann, Gustav Mahler, Bruno Walter und Richard Strauss. Arriviert. Mit gutem und geregeltem Einkommen. Gutem Ruf. Und der Aussicht auf mehr. Aber Pfitzner reißt mit seinem Hintern all das wieder ein, was er sich selbst aufgebaut hat. Im Jahr 1898 schreibt er: „Vielleicht ist das die richtige Stelle, an der ich erwähnen kann, dass ich mich hier in Berlin ganz besonders als Antisemit ausgebildet habe; man hat hier die Gefahr und die Macht so nahe vor Augen.“ Pfitzners musiktheoretische Schriften konstruierten in den 1920er-Jahren einen Gegensatz zwischen „deutscher Musik“ und ihren „jüdischen Zersetzern“. Pfitzner kombinierte aus seiner Sicht die politische und musikalische Entwicklung, wobei sich das „deutsche Volk“ in der Revolution nach 1918/19 von „russisch-jüdischen Verbrechern“ anführen ließ. Ein badischer Ministerpräsident Anton Geis wird bei Pfitzner also zum „russischen Verbrecher“. Eine solche Volte muss man erst mal hinbekommen. Die GesammelteSchriften von Pfitzner enthalten bereits in den 1920er-Jahren ein ganzes Lexikon von späteren NS-Stichworten: „Schicksal der nationalen Kunst“, „Erhaltung unserer Wesensart“, „internationale Seelenlosigkeit“, „anationaler Amerikanismus“, „Jazz-Flut“, „volksfremd“, „wesensfremd“. Pfitzner schrieb: „Das Antideutsche, in welcher Form es auch auftritt, als Atonalität, Internationalität, Amerikanismus, deutscher Pazifismus, berennt unsre Existenz, unsre Kultur von allen Seiten und mit ihr die europäische.“ Diese ganzen Ausfälle sind von Grund auf völlig irrational, sind doch seine größten Förderer, wie Mahler und Walter, Juden. Dass Palestrinanach 1945 überhaupt noch und gerade in New York gespielt wird (und folglich für Pfitzner Tantiemen abwirft), ist vor allem Bruno Walter zu verdanken, den Pfitzner auch noch nach 1945 brieflich beschimpft. Es ist unfassbar. Pfitzner scheint schon seit Jahrzehnten menschlich stehen geblieben zu sein. Sein Erfolg scheint ihn nicht erwachsen, sondern überängstlich gemacht zu haben. Dass ein Romantiker sich mit der Moderne schwertut – geschenkt. Das sich Zurechtfinden mit neuen Stilrichtungen haben schon ganz andere Musikerinnen und Musiker nach langem Hadern und Zögern geschafft. Letzter Teil folgt.

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