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Vom Du zum Ich – Teil 1

Mit diesem kurzen Satz kann die Entwicklung des Liedguts der letzten hundert Jahre beschrieben werden. Ich kann mich natürlich auch irren, denn es gibt ja Hunderte von Volksliedern und selbstverständlich kenne ich auch nach 20 Jahren Volkslieder bei der Lyra Schriesheim nur einen bescheidenen Ausschnitt davon. Daher wenn es jemand besser weiß und andere Infos hat, mir bitte gerne Bescheid sagen, ich bin da wirklich daran interessiert. Aber bis dato habe ich den Eindruck, dass im Volkslied selten bis gar nicht aus der wirklichen „Ich“-Perspektive gesungen wird. Auch schlimme Zustände werden nur indirekt angesprochen, oftmals symbolisch „umsungen“, so als übten sich die Sänger in einer Art seelischer und tatsächlicher Selbstzensur. 

Der Kommunikationstheoretiker Norbert Bolz soll mal öffentlich gesagt haben, dass „Reden eigentlich unmännlich“ sei. Das ist natürlich eine steile These für jemanden, der so viele Bücher geschrieben und damit viel über Gott und die Welt „geredet“ hat. Intellektuelle und Konsequenz, das beißt sich manchmal. Aber möglicherweise hat er nicht ganz unrecht, denn: In vielen Artikeln habe ich das Frauenbild im alten Volkslied (die auch die Lyra singt) beschrieben. Die Frau als idealisiertes Sehnsuchtsbild. Das „Du“, in dem sich der Sänger, der Dichter, der Komponist als Mensch wiederzufinden hoffte. 

Natürlich ist das kein einfaches Ansinnen, schließlich wird dem Ideal die eigene Sehnsucht aufgebürdet. Aber das „Du“ stand im Vordergrund, so als ob das „Du“ Zauberkräfte hätte, ein höheres Wesen wäre. Höherstehend als das „Ich“, das singt und damit anbetet. Was erstaunlich ist, denn Frauen waren in der Zeit vor 1919 so gut wie rechtlos. Das direkte, überhöhte „Ich“ kam in diesem Sinne im Volkslied nie vor. Das änderte sich mit dem Aufkommen des Jazz in den 20er Jahren. Nun müssen wir wissen, dass Jazz ja in vielem wurzelt, insbesondere in der schwarzen Musik. 

In vielen Büchern, nicht nur musikalischen, sondern auch in regionalen Romanen wie „Unterwegs nach Cold Mountain“ wird der Einfluss der schwarzen Musik auf die Entwicklung des „Ich“ klar und anerkennend beschrieben. Die direkte, unumwundene Ausdrucksweise, in der Sehnsüchte, Wünsche, Hoffnung und Verzweiflung, Gottesfurcht und -erlösung, aber auch Lust und Liebe thematisiert werden. Natürlich stechen solche Entwicklungen durch. Kunst, auch ganz klar Musik bleibt nie stehen, nimmt ständig neue Einflüsse auf. Der Jazz der 20er machte daraus einen großen Bachlauf, der Rock ’n’ Roll und Hardrock ab den 50ern bis heute einen breiten Mississippi-Fluss, die E-Musik in Verbindung mit allerlei Verknüpfungen hin zur allgegenwärtigen Esoterik-Szenerie … Teil 2 folgt

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