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Rede zur Beerdigung von Peter Kraft

Peter Kraft wurde in ein Umfeld geboren, das ihm Sicherheit gab. Das ist mein Eindruck. Sein Geburtsjahr 1943 war kein sicheres Jahr. Es war Zweiter Weltkrieg. Jeder weiß, was damals los war. Dennoch ist die Geburt eines Kindes immer ein Zeichen der Hoffnung. Peter wurde nach seinem Großvater väterlicherseits benannt, einem der 22 Gründungsmitglieder der Lyra 1923 und ab 1933 deren Erster Vorsitzender. Die Namensgebung nach einem Vorfahren ist immer eine Reverenz. Für Peter Kraft jun. schien Peter Kraft sen. eine markante Bezugsgröße gewesen sein zu sein. Einer seiner Sätze war: „Meine größte Angst war immer, dass es bei der Lyra mit einem Peter Kraft begann und mit einem Peter Kraft dann zu Ende sein würde.“

Peter Kraft wuchs im Schriesheimer katholischen Milieu auf. Jedes Milieu bietet eine relative Bandbreite der persönlichen Entwicklung. Extreme gedeihen da selten bis nie. Auf der anderen Seite bietet es für eine große Mehrheit Sicherheit und klare Abläufe, einen festen Rahmen und ein klares Fundament. Auch klare Erwartungen an die Rolle des Einzelnen. Die Familie förderte früh Peters musikalische Talente.

Es ist daher nicht verwunderlich, dass Peter mit knapp über 15 Jahren Mitglied der Lyra wurde und dort aktiv mitsang, ebenso bei den Jungsängern im Lyra Quartett. Sein angeheirateter Großonkel Karl Keuthen, der Schwiegervater seiner Tante Rita, der Schwester seines Vaters, war 1959 Erster Vorsitzender. Mit Lyra und dem Quartett kamen die jungen Männer dieser Zeit auch mal rum, sahen andere Orte und neue Leute. Noch dazu durften und mussten sie bei den Auftritten lange Hosen tragen. Die Kinder und Jugendlichen der 50er Jahre trugen kurze Hosen und dazu lange, dicke, selbstgestrickte Kniestrümpfe und klobige Treter. Nur Männer durften lange Hosen und Halbschuhe und Krawatte tragen. Und als Sänger wurden sie dann als Jugendliche viel schneller – zumindest nach außen hin – zu Männern. Deshalb wollten viele Junge in den 50er und 60er Jahren unbedingt selbst auch mitsingen.

Im Jahr 1960 starben drei Vorsitzende der Lyra in einem Jahr. Peters Großvater Peter sen. und sein Großonkel Karl Keuthen gehörten dazu. Das Sterben von Vorbildern kann zwei Folgen haben. Es kann einen Rückzug einläuten. Es bietet aber auch Raum fürs eigene Wachstum durch Übernahme von mehr Verantwortung. Peter wurde Schriftführer beim Lyra Quartett ab 1962. Daraufhin, nach Ausbildung, Berufsbeginn, Heirat, Hausbau und Familiengründung dann recht schnell, mit gerade mal 34 Jahren Vorstand bei der Lyra. Von 1977 bis 2023, das sind 46 Jahre am Stück. Aktiver Sänger war er von 1959 bis 2022, das sind 63 Jahre ohne Unterbrechung. Da hatte jemand nicht nur im Leben – sondern auch bei der Lyra – seinen Platz gefunden.

Zuerst war Peter Schriftführer, dann Zweiter Vorsitzender und von 2006-23 Erster Vorsitzender. Die 50er bis 90er Jahre waren die goldene Zeit der Gesangsvereine. Peter hatte als Schriftführer und auch als 2. oder 1. Vorsitzender nicht nur die Korrespondenz mit Sängerkreis und Vereinen und Mitgliedern unter sich, sondern auch weitergehende Organisationsaufgaben. Die Sängerreisen und Jubiläen wurden auch durch ihn substanziell vorbereitet und in Abstimmung mit den anderen Chören der Sängergemeinschaften Alfons Burkhardt und Frank Ewald durchgeführt. In Zeiten von Telefon und Fax ohne Internet und ohne eMail muss das eine reine Kärrnerarbeit gewesen sein. Das 75jährige Jubiläum 1998 und die Chorreisen nach Rom und Spanien waren die Kulminationspunkte einer Entwicklung, die ihren Gipfel leider irgendwann erreichte. Wer hätte gedacht, dass ein Jubiläum mit deutlich über 70 Chören schon 10 Jahre später gar nicht mehr organisiert werden könnte, weil Chöre bei Chorleiter und Sänger überaltern?

Viele Chöre resignierten ab dem ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts. Das konnte man Peter nicht vorwerfen. Er nahm den Kampf auf. In der Tat hielt er die Lyra zusammen. Im Trio mit seinem kongenialen Zweiten Vorsitzenden Franz Weber und vor allem mit dem Chorleiter Frank Ewald hielt er die musikalische Qualität der Lyra hoch. Die Konzerte und Preissingen der Zeit zeigen es, ebenso die Berichte in den Zeitungen. Gleichwohl verschoben sich die Gewichte. Die katholische Mehrheit bei den Sängern ging zurück. Jüngere Sänger außerhalb der traditionellen Milieus kamen an Bord. Es wurde immer mehr auf Englisch gesungen. Peter und Franz wagten es auch, Mitglieder in den Chor aufzunehmen, die noch 20 Jahre vorher nie eine Chance gehabt hätten, zum Probesingen eingeladen zu werden. Sie gingen in wenigstens einem Fall ein hohes Risiko ein, aber die christliche Haltung, liebe Deinen Nächsten, war ihnen Herzensangelegenheit und erfolgreiche Leitlinie.

Die Gesellschaft veränderte sich rapide. Ich nehme mal an, dass nach den Singstunden mit den älteren Sängern viel geredet wurde, um diese nötigen, drastischen und oftmals aber verspäteten Veränderungen durchzubekommen, ohne dass die älteren Sänger aufgeben und wegbleiben. Das war sicherlich für Peter nicht leicht und viel Arbeit.

Ab 2016 machte sich so langsam der Verschleiß einer so langen Zugehörigkeit im Vorstand bemerkbar. Bei jeder Jahreshauptversammlung in Folge bat Peter darum, dass Jüngere im Vorstand mitmachen sollten. Die Coronazeit 2020-22 hätte dem Chor beinahe den Todesstoß versetzt. 2,5 Jahre keine wirklichen Proben und Auftritte bzw. wenige Wochen dazwischen und dann wieder Verbote. Das hinterließ bei Peter Betroffenheit und Ratlosigkeit. Dass es Peter und Franz jedoch in dieser Zeit gelungen ist, im ehemaligen Gasthaus „Frank“ eine neue, dauerhafte Bleibe für die Lyra zu finden, war allerdings ein wirklicher Geniestreich. Ich denke mal, dass ohne dauerhafte Bleibe der Chor auseinandergelaufen wäre.

Bevor wir zum Ende seiner Vorstandszeit bei der Lyra kommen, erlauben Sie mir ein paar persönliche Worte, denn ich saß fast 20 Jahre direkt neben Peter im 2. Bass. Als ich 2003 zur Probesingstunde bei der Lyra kam, tat ich das nicht, weil ich von meinen Gesangskünsten überzeugt war. Ganz im Gegenteil. Ich kam eigentlich nur aus Respekt vor Siegfried Keller, der so viel Mühe aufgewendet hatte, mich zu werben. Ich kam damals in den „Schwarzen Adler“ und dachte mir, okay, das wird jetzt ein kurzes Vergnügen, ich mache den Mund auf, dann sagen die Danke schön, das wird nix, tschüss, schönes Leben noch.

Stattdessen sagte Frank Ewald, okay, Du bist ein 2. Bass, setz dich da mal dazwischen, am Anfang nicht so laut singen, mehr zuhören. Ich kam dann zwischen Theo Windisch und Peter zum Sitzen. Theo, links von mir, kannte ich schon. Den etwas strenger blickenden Herren rechts von mir kannte ich nicht. Ich wußte jetzt nicht, ob man sich da vorstellt, und die Hände schüttelt und was ich eigentlich machen sollte und während ich noch überlegte, was zu tun sei, dann ging es schon mit Einsingen und Probe los. Peter war eine klare Konstante. Er war immer da. Er schien jedes Lied zu kennen, das die Lyra in den kommenden Jahren proben oder singen würde. Ich kannte damals in der ersten Stunde seinen Namen nicht, aber er sang mir schon derart intensiv vor, dass ich aus lauter Trotz hätte falsch singen müssen, wenn ich überhaupt hätte falsch singen wollen. Da ich keine Noten lesen konnte, Peter konnte das zum Glück tausendmal besser, hatte ich jemanden, der die Notenwerte vollkommen richtig aussang, damit ich mir das so im Gedächtnis abspeichern konnte. Im Verlauf der Jahre wurde ich dann mit Peters Hilfe immer sicherer und sang immer lauter, so dass er direkt korrigieren konnte und wir gleichzeitig ein ordentliches Stimmvolumen zusammen bekamen, obwohl im 2. Bass zeitweilig nur 4 Sänger waren, die auch wirklich sangen. Ich denke, das Nebeneinandersitzen funktionierte deshalb sehr gut, weil beide Seiten, also er und ich, sich über ihre damalige, jeweilige Rolle klar waren und das voll und ganz akzeptierten. Der eine will und muss was lernen, der andere muss und kann was beibringen. Und zusammen wird das dann was.

2017 wurde die U55 gegründet, die Untergruppe der Lyra für die Sänger von damals 15 bis 54 Jahren. 2018 traten wir auch beim Lyra-Konzert im Zehntkeller auf. Lyra UND U55 wurden begeistert beklatscht. Das Projekt U55 wurde nicht fortgeführt. Es gab im Vorstand Bedenken. Corona kam. Wie in Corona Ersatzproben abgehalten werden könnten, ob durch Zusammenschalten aller Sänger in Zoom oder Teams oder ab 2022 im Abstand auf heimischen Wiesen, dazu gab es einige Experimente und bedenkenreiche Diskussionen.

Peter ging es ab Sommer 2022 schlechter. Trotzdem stellten wir in diesem Jahr die Adventsfeier auf die Beine: Das gelang, und da war Peter sehr ergriffen. Er war in der Außendarstellung kein überschwänglicher Mensch. Er war immer ein feiner Gentleman, sehr höflich und freundlich, aber eben zurückhaltend.  Ein Handschlag war in der Öffentlichkeit das Äußerste.  An diesem Abend standen wir am Ende der Veranstaltung kurz zusammen, und was er zu mir sagte, habe ich gar nicht mehr in allen Einzelheiten im Gedächtnis. Was mir aber unvergessen bleibt, war, dass er mir plötzlich auf die Schulter und den Nacken klopfte und irgendwas wie „das ist wirklich schön, dass das alles so gut läuft“ sagte. Erinnern kann ich mich noch an ein Gefühl der totalen Verblüffung, aber auch daran, dass ich sein Schulterklopfen als eine Art Ritterschlag empfunden habe.

Dass Peter 2023 Ehrenvorsitzender wurde, war konsequent. 46+2 Jahre Vorstandsarbeit sind so eine Art Goldene Hochzeit auf Vereinsebene. Wie auch in einer Ehe eben mit Höhen und Tiefen, musikalischen Erfolgen und Niederlagen, richtigen und falschen Entscheidungen. Eines war immer klar, Peter wollte stets das Beste für seine Lyra.

Ihn dann im Krankenhaus mit den Folgen des Schlaganfalls zu sehen, war nicht alleine deshalb traurig, weil er da so hilflos da lag. Wir alle wissen rein rational, dass wir älter werden, entsetzlich krank werden können und dazu leiden. Es ist vor allem der totale Bruch von einem aktiven Leben und einer aktiven Rolle hin zu einer Periode des Leidens und des Wartens, die zu schaffen macht. Für den Leidenden und für die, die zusehen müssen und rein gar nichts tun können.

„Meine größte Angst war immer, dass es bei der Lyra mit einem Peter Kraft begann und mit einem Peter Kraft dann zu Ende sein würde.“ Dass dies Peter antrieb, wusste ich nicht, bis er es mir sagte. Als er es ausgesprochen hatte, wunderte es mich aber auch nicht. Sondern ich glaubte ihm sofort. Das passte einfach zu ihm.

Wir verneigen uns vor Peters Lebensleistung für seine Lyra. Dieser Nachruf soll ebenfalls dazu beitragen, den Sänger, Vorstand und Menschen Peter Kraft zu würdigen. Nachfolgende an ihn zu erinnern, vielleicht auch dann und wann zu inspirieren. Lieber Peter, vielen Dank für Dich! Vielen Dank.

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