Vor einigen Jahren wurde uns Deutschen bescheinigt, es gäbe so etwas wie unsere Leitkultur nicht. Das glauben auch heute noch sehr viele. Westliche Staaten werden gerne gemeinhin als Länder ohne Werte bezeichnet. Rein materiell orientiert. Dabei verwechseln diejenigen, die uns dies bescheinigen, rein religiösen Glauben mit einem über die Jahrhunderte entwickelten, komplexen bürgerlichen Wertesystem, das in der Tat zum Teil auf Religion basieren kann, aber eben auch auf anderen Werten des erprobten Zusammenlebens. Nicht religiöse Vereine sind eine Form der deutschen Leitkultur. 600.000 Vereine gibt es in D. „Wandern“, „Singen“, „Gärtnern“ oder „Heimwerken“ sind weit mehr als reines Spießbürgertum. Dieses Tun schult in uns Disziplin und das Ertragen von Frustration. Das Nichtvorhandensein einer Hobby-Kultur ist eine Barriere und verhindert die individuelle und gesellschaftliche Entwicklung. Wo keine individuelle Selbstbeschäftigung gelernt wurde, entsteht eine Leere, die oft mit nicht so Gutem gefüllt wird.
Die Gestaltung der freien Zeit ist gesellschaftlich höchst bedeutsam. Wir sprechen immer über Berufe, Ausbildungen und Abschlüsse, alle möglichen Qualifikationen, doch wir reden nicht über die viele strukturlose Zeit, die tagsüber gefüllt werden muss. Ohne Vereine, ohne Hobby herrscht eine gesellschaftliche Orientierungslosigkeit, es brechen kollektive Normen weg oder können erst gar nicht entstehen. Das Fehlen einer individuellen „Hobby-Kultur“ kann nicht durch Surfen in den „Social Media“ kompensiert werden, wo jeder nur um sich kreist und sich die Aufmerksamkeitsspanne konstant durch die Flut der Beiträge auf Teile von Minuten reduziert. Auch Netflix-Serien gucken kann uns dieses gesellschaftliche Rüstzeug nicht geben.
In der bürgerlichen Welt vieler westlicher Staaten ist das Hobby zudem weit mehr als reines Füllen der strukturlosen Zeit. Vereine sind eine gewachsene Form der westlich-zivilisatorischen Selbst-Regierung. Nicht alles kommt vom Staat, Bürgerinnen und Bürger zeigen in hohem Maße Eigeninitiative. Wer sich zudem einer Sache widmet – seinem Verein oder seinem Hobby– unterwirft sich und gestaltet freiwillig Regeln und Zielen, z.B. auch die einer immer wiederkehrenden demokratischen Wahl oder Abwahl durch eine Mehrheit. Und gleicht durch seine Position möglicherweise auch etwas anderes aus. Der Pförtner, der 20, 30, 40 Jahre Vorsitzender eines Vereins ist, gilt in der Wirtschaft nicht viel, kann aber in seiner Gemeinde einiges öffentliches Ansehen erringen. Eine Führungskraft, die durch Eingliederung Gemeinschaft lernt und nicht immer an der Spitze stehen zu müssen. Menschen erhalten somit Rang, Würde und Namen, Belobigung und Anerkennung, Spaß und neue Rollen und Perspektiven, kurz und gut, einen erweiterten Platz im Leben, ja sogar einen weiteren Sinn des Lebens. Ohne Lebens-Sinn herrscht hingegen Leere. Die Leere wird in unserer modernen Welt, in der Ablehnung der Vereine und des „Spießbürgertums“ durch „passive Vergemeinschaftung“ ersetzt. Ohne Hobby und Verein wird in Internetforen oder in Bars und Cafés nicht über das „Wie“ einer Vereinsentwicklung debattiert, sondern über das „Wir gegen die Anderen“ oder nur um nichtige Aufmerksamkeit gebuhlt. Wenn auch das nicht hilft, bleibt immer noch die Flucht ins Einkaufszentrum. Shoppen wird dann hier als Ersatzhandlung betrieben. Eine Art Zeitvernichtung, weil man mit der eigenen Individualität und der Stille einer produktiven Beschäftigung nichts anzufangen weiß.
Das Fest der Eitelkeiten, das möglicherweise viele ins Fitnessstudio treibt, läuft Gefahr oberflächlich zu bleiben. Die Oberflächlichkeit entspringt oftmals der Notwendigkeit der medialen Selbstdarstellung auf Insta, Whatsapp und TikTok, nicht der inneren Freude an der Disziplin und den Siegen und Niederlagen eines Hobbymannschaftssports. Eine wachsende kulturelle Abneigung gegen die zweckfreie, individuelle Beschäftigung mit einer Sache kann zu einem gefährlichen, egozentrischen Vakuum führen, wenn die Struktur der Erwerbsarbeit oder der Schule/Ausbildung fehlt.
Wenn Menschen zu lange über ein Übermaß an Freizeit verfügen, aber keine Tradition der Selbstbeschäftigung besitzen, wird die Zeit zur Last. Die oft zitierte Gewaltbereitschaft gerade junger Menschen kann das Resultat dieser strukturlosen Dauerfreizeit werden.
Wer nicht gelernt hat, sich selbst zu mühen, seine Grenzen zu verschieben und enorme Frustrationen in einem Spiel, einem Konzert, einem Handwerksprodukt oder einem Buch zu überwinden, entlädt diese Frustrationen anderswo. Die negativen Gefühle müssen irgendwo hin, brauchen Ziel und Erlösung. Ein Mensch ohne Hobby ist anfälliger für externe und extreme Angebote aller Art, die das Vakuum der Zeit-, Sinn- und Bedeutungslosigkeit füllen. Zusammensein findet nicht nur am Arbeitsplatz oder in der Schule statt, sondern gerade dort, wo der Mensch lernt, seine Zeit aus eigenem Antrieb und in sinnhaftem Streben mit Inhalten zu füllen, statt sie lediglich abzusitzen. Das deutsche „Hobby“ und der ebenso deutsche „Verein“ sind keine Auslaufprodukte, sondern fundamentale politische Stabilitätselemente mit großer Zukunft. Wer keine Hobbys und keinen Verein hat, hat schlichtweg zu viel Zeit für Dummheiten aller Art. Wer gesellschaftliche Stabilität will, muss Vereine fördern. Wer etwas aus sich machen will, muss in Vereine gehen. Der Spießer baut und verteidigt – wie im Mittelalter – aktiv und aus eigenem Willen seine Gemeinschaft. Der Nicht-Spießer lässt sie wohl möglicherweise achselzuckend und nonchalant kaputt gehen.
Ingo Kuntermann

