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Gedanken zum Volkstrauertag

Tebe Pojem, Volks-TRAUER-Tag – Rußland und unsere Fähigkeit zu trauern

Vor Corona war es in Schriesheim üblich, dass die Männergesangsvereine zum Volkstrauertag zusammenkamen und mindestens zwei Lieder vortrugen.

Eines davon war „Tebe Pojem“, dass wechselweise auf Russisch oder in der deutschen Übersetzung unter „O Herr, gib Frieden“ gegeben wurde.

Der Komponist dieses altrussischen Kirchenliedes war Dimitri Stepanowitsch Bortnjanski (1752-1825), russischer Staatsrat und Leiter des kaiserlichen Hofchors in St. Petersburg. Dimitri Bortnjanski hatte großen Einfluss auf die deutsche Kirchenmusik, da insb. der preußische König Friedrich Wilhelm III ein großer Fan von ihm war und dafür sorgte, das dessen Werk in D bekannt werden konnte.

Bortnjanskis Melodien wurden auch im Musikritual des großen militärischen Zapfenstreichs eingearbeitet – bis heute. D.h. unsere Afghanistan-Veteranen wurden teilweise mit seiner Musik geehrt. Was wird nun bei „Tebe Pojem“ eigentlich gesungen?

„O Herr, gib Frieden. Den Frieden dieser Welt.  Steh uns bei. Wir bitten Dich,  erhöre uns, steh uns bei.  Du unser großer Gott.“

Liedzeile aus Tebe Pojem

Auf russisch lautet der Text: „Tebe pojem, Tebe blagoslovim. Tebe blagodarim, Gospodi. I molimtisja Bozenas.“ Die russische Version entspricht nicht der deutschen Übersetzung. Da mein Russisch außerordentlich schlecht ist, habe ich den Text durch den Google Translator gejagt und heraus kam diese deutsche Übersetzung: „Wir singen für dich, segnen dich. Danke Gott. Und beten zu Dir, Herr.“

Dieses Lied wirkt durch seine getragene Vortragsweise, Adagio, sehr piano, nie wirklich laut, aber sich dann ins crescendo steigernd. Wer sich auf das Lied einlässt und dieses wirkliche Flehen rüberbringt, erahnt die Tiefe dieses textlich einfachen Liedes, komponiert von einem Mann, der prophetisch die tiefe (deutsche) Sehnsucht nach Frieden vorausgeahnt zu haben scheint.

Dahingehend passt dieses Lied sehr gut zum deutschen Volkstrauertag. Und zu dem, was wir Deutschen tatsächlich über den Krieg denken. Da dieses Lied in den russischen Kirchen gesungen wurde, in der Regel von Bauern, die nicht lesen und schreiben konnte, drückt dieses Lied aber auch die Resignation aus, hier auf Erden in der schlimmen Situation leben zu müssen und die Option zu haben, ins Himmelreich aufzurücken.

Es ist in seiner russischen Version ein Lied des Erduldens. Des Erduldens des Leids, sei es nun Krieg oder eben nur die Leibeigenschaft.

Nächste Woche geht’s weiter.

Ingo Kuntermann

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