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Ich bete an die Macht der Liebe – Teil 2

close up of one us dollar

Goßner nimmt sich die Melodie von Dmitri Stepanowitsch Bortnjanski, den wir ja schon als Komponist von „tebe pojem“ und als DEN musikalischen Einflussgeber auf den „Großen Zapfenstreich der Bundeswehr“ her kennen. Bortnjanskis Melodie entstammt einem selbst komponierten russischen Freimaurerlied von 1822. Das Freimaurerlied heißt „Kol’ slaven naš Gospod’ v Sione“ („Wie gepriesen ist unser Herr in Zion“) – ja, die russischen Freimaurer waren sehr christlich orientiert. Die Freimaurer stehen ja per se für die europäischen Ideen der Aufklärung, die Freiheit des Geistes und des Menschen usw.. Evangelista Goßner war schon als katholischer Priester an diesen Ideen hoch interessiert, wie übrigens viele seiner katholischen Kollegen auf allen Hierarchieebenen.

Goßner wurde – anders als viele Prälaten in ganz Europa – nicht Mitglied bei den Freimaurern, aber er nahm die Melodie mit. Ob das der Papst Benedikt XVI – ein ganz großer Freimaurerhasser – wohl wusste, wenn das Lied in seiner Gegenwart gesungen wurde? Wie auch immer: Der Originaltext enthält viele Wendungen, die schon Anfang des 19. Jahrhunderts als nicht mehr erträglich empfunden wurden und seitdem Anlass für immer neue Bearbeitungen, Umstellungen und Kürzungen gaben.

Tersteegen sah sich selbst 1750 gegenüber Gott als (unwürdigen) Wurm. Ein Gedanke, der spätestens Anfang des letzten Jahrhunderts aus den überarbeiteten Versionen eliminiert wurde. Wer „Nachbars Liese“ noch für das Original hält, der irrt. Das Lied nimmt den eigentlichen Gedanken der Göttlichkeit des Menschen auf. Die Macht der Liebe in Jesus, der die Sünden auf sich nimmt, aber die Liebe zum Menschen bringt. Dem Menschen, der sie dann annimmt. Das klingt eher nach Gleichrangigkeit. Das dreht den Gedanken von Tersteegen um. Gibt aber dem Menschen mehr Freiheit, aber auch mehr Verantwortung. Und plötzlich wird damit aus diesem radikal-pietistisch-unterwürfigen und katholisch-hierarchisch adaptierten Lied etwas „An-Gefreimaurertes“ im kirchlichen Kontext – der Mensch ist nicht mehr Wurm, sondern Mensch – der freie Nächste, der lieben kann. Wunderbar. Und schon singe ich „Ich bete an die Macht der Liebe“ gerne noch weitere Tausend Mal. Dieses Mal aber in einem anderen, freieren Geist.

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