An Berliner Gymnasien werden Literaturklassiker gerne nur noch in vereinfachter Sprache im Unterricht behandelt. Die Idee dahinter klingt beim ersten Hinsehen gut: Wer was versteht, bleibt eher motiviert. Doch was kommt am Ende dabei raus? Darf es künftig nicht mehr anstrengend sein, das Lernen? Ist kulturelle und sprachliche Tiefe kein Gut mehr? Was trauen wir jungen Menschen eigentlich zu? Trauen wir ihnen überhaupt was zu?
Vor ca. 2500 Jahren trat der Philosoph Platon öffentlich gegen „die Jugend“ auf. Er hielt sie für verdorben und gottlos, sie träten in Wort und Schrift gegen die Altvorderen auf. Es geht mir gar nicht darum, ob Platon Recht oder Unrecht hatte. Aber wer gegen jemanden auftreten will, braucht eine Sprache, die auch verstanden wird. Zudem Tiefe in der Argumentation. Vereinfachung hingegen verändert nicht nur Texte, sondern auch Denkmöglichkeiten. Wer komplexe Sprache systematisch verniedlicht, übt nicht das Durchdringen schwieriger Inhalte, sondern das Umgehen von ihnen. Klassische Literatur von den alten Römern und Griechen bis hin zu Goethe, von Eichendorff und Shakespeare lebt davon, dass sie Widerstand leistet, dass sie sperrig ist und Aufmerksamkeit fordert. Dieser Widerstand ist der eigentliche Lernraum.
Das merken auch unsere älteren Sänger, die alle in der Volksschule waren und kein Englisch gelernt haben, jetzt aber mit der Lyra englisch singen müssen. Vielleicht wollen sie das nicht und mögen es auch nicht. Aber es ist ein Fest zu sehen, wie Sänger Ü70 und Ü80 dennoch diese Herausforderung annehmen. Texte wirken hier wie ein Fitti-Training, fordernd, aber auch befähigend. Wird die Anstrengung eingeebnet, bleibt zwar die Bewegung, aber die geistige Entwicklung aus. Klassiker transportieren ihre Bedeutung weniger über die oft triviale Handlung, sondern mehr über Klang, Rhythmus und Mehrdeutigkeit. Das ist vergleichbar mit einem Musikstück mit Dynamik und Spannungsbögen. Werden Musik und Literatur ausschließlich wegen der Verständlichkeit und Zugänglichkeit betrachtet, verlieren sie ihren Eigensinn. Kunst wird dann funktional und damit harmlos.
Man erkennt die Struktur, doch die emotionale Tiefe fehlt, wenn die Komplexität reduziert wird. Literatur und Musik verlieren so ihre Kräfte, nicht weil sie alt sind, sondern weil man ihnen das genommen hat, was sie lebendig machte. Wenn Texte und Texte immer weiter vereinfacht werden, verschiebt sich auch die Erwartungshaltung: Schwieriges gilt nur noch als Zumutung. Hänschen klein ist auch Musik. Allerdings mit einem Silcher oder einem von Eichendorff nicht zu vergleichen.
Diese schleichende Entwicklung abwärts bleibt oft unbemerkt, weil sie politisch korrekt gut begründet daherkommt. Doch langfristig entsteht eine Lernkultur, in der Bequemlichkeit über Entwicklung siegt. Klassische Texte und klassische Musik dürfen herausfordernd bleiben, wenn man sie gemeinsam erschließt und ihnen Raum gibt. Bildung bedeutet nicht, alles leicht zu machen, sondern Menschen darin zu stärken, mit Schwierigkeiten ganz selbstverständlich und mit Selbstbewusstsein umzugehen. Mehr Zeit, mehr Erklärung, mehr Vertrauen in die Lernfähigkeit junger und alter Menschen.
Als junger Mensch würde ich mich nicht von dieser Komplexität wegbringen lassen. Ich spürte diesen Verlust sehr genau. Wenn etwas entschärft würde, nähme ich es entsprechend weniger ernst. Zudem bliebe in mir ein Misstrauen gegenüber den Älteren, die mich ganz offensichtlich nicht ernst nehmen und mir nichts zutrauen. Und nochmals zur Lyra, wir lassen unsere Älteren aus den englischen Songs nicht raus, weil wir sie etwa ärgern wollen, sondern weil wir ihre Disziplin und ihr Können hoch einschätzen. Wir trauen ihnen etwas zu! Also, wer als junger oder alter Mensch was lernen will, kommt zu uns.
Denn nur ein gebildeter Mensch kann auch Bürger sein. Ein Ungebildeter läuft Gefahr, ungewollt und viel zu leicht zum unwissenden Untertanen zu geraten. Auch unser Gesangsverein hat damit mit Bildung und Bürgerlichkeit zu tun. Warum eigentlich? Im 19. Jahrhundert setzte eine Gründungswelle von Männergesangvereinen ein. Dazu trugen mehrere Faktoren bei. Zunächst begeisterte sich die Romantik für den unbegleiteten Liedvortrag und das Volkslied. Systematische Suche nach alten Liedern und erstmaliger Aufschrieb derselben wurden üblich. Auch Stolz auf die regionale Kultur kam dazu.
Gleichzeitig entstanden neue Formen der Geselligkeit, unter anderem Vereine und politische Clubs (in Schriesheim z. B. die Casino-Gesellschaft). Neben politischen Clubs wurden in der Zeit des sogenannten „Vormärz“ zahlreiche Turn- und Gesangsvereine gegründet, die ebenso oft politisch motiviert waren. In ihnen organisierte sich das aufstrebende und nach nationaler und wirtschaftlicher Einheit Deutschlands strebende Bürgertum, vor allem auch infolge des Hambacher Fests von 1832 und der Revolution von 1848/49. Deshalb wurden viele Vereine von der Obrigkeit durch Spitzel und Zuträger beobachtet. Die Karlsbader Beschlüsse machten es möglich. Es wurden regionale und überregionale Sänger- und Turnfeste veranstaltet, bei denen Hunderte oder Tausende von Sängern oder Turnern zusammenkamen.
Aber die Gründer der Gesangsvereine wollten auch, dass ihre nur oftmals Dialekt sprechenden Sängerinnen und Sänger Zugang zur Bildung und damit zur Hochsprache bekamen. Wer damals singen lernte, lernte Hochsprache und erhielt folglich auch Zugang zum Wissen seiner Zeit. Nicht von ungefähr kooperierten Gesangs- und Literaturvereine.
Überall wurde gesungen, gelesen, gebildet, politisiert. Der Mensch entwickelte sich vom Untertan zum Bürger. Der Liberalismus machte ab 1820 den Anfang, die Sozialdemokratie folgte ab 1860 mit ihren Arbeitervereinen. Der politische Katholizismus kam zuletzt. Der Kulturkampf gegen Bismarck verhinderte zuerst eine solche Bildungsentwicklung. In Baden waren 2/3 der Bevölkerung katholisch und viel häufiger Analphabeten als Mitglieder anderer Religionen. Dennoch erzielte das Zentrum nie eine absolute Mehrheit. Die katholischen Arbeiter waren gespalten. Liberale und Sozis förderten Bildung und Aufstieg. Die Bischöfe kämpften gegen die Sonntagsschulen und gegen die politisch motivierten (Gesangs-, Turn- und Literatur-)Vereine. Damit wurden all diejenigen Katholiken benachteiligt, die die Woche über hart in der Landwirtschaft arbeiten mussten und nur abends oder am Wochenende Zeit für Bildung gehabt hätten.
Erst nach Bismarcks Ausscheiden aus dem Amt des Reichskanzlers gelang dem Zentrum – vor allem in Baden – ein politischer Neustart. Die Boykottpolitik der Bischöfe wurde überwunden, eigene Vereine wurden gegründet. Die Katholiken holten auf, konnten gesellschaftlich aufsteigen und die Nachteile von früher ausgleichen. Politisch wurde das Zentrum dann ab 1910 auch stärkste Kraft in Baden. Die Gründung der Lyra 1923, nach der Überwindung der großen Inflation und zu Beginn der Blütephase der Weimarer Republik, belegt dies eindrucksvoll. Junge katholische Männer mit Familien wollten was aus sich machen. Die Lyra sollte dabei helfen. Daher sollten wir nicht vergessen, wo wir als Lyraner herkommen. Eine Absenkung von Standards widerspricht der Erfahrung. Wenn Analphabeten durch unterstützendes Singen in der Hochsprache Bildung erwerben konnten, wäre es schädlich und fatal, wenn wir diesen Weg zumachten. Wir können Jüngeren und Zuwanderern etwas zutrauen. Chancen durch Mitmachen dürfen bieten, statt in Watte packen.

